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31. Jul 2010 | People

 
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INTERVIEW - M.I.A. - WOHIN MIT DEM HASS?

Sie gilt als das Globalisierungswunder der Popmusik: Die aus Sri Lanka stammende Tamilin Mathangi „Maya“ Arulpragasam, besser bekannt als M.I.A., pendelt gern zwischen Kunst und Aktivismus, zwischen Liebe und Hass. Im blu Interview spricht sie über Provokation mit Rothaarigen und ihr neues Album „/\/\ /\ Y /\“.

MAYA, MIT „BORN FREE“ HAST DU EIN PROVOKANT-GEWALTTÄTIGES VIDEO VERÖFFENTLICHT. WAR ES NICHT ZU ERWARTEN, DASS ES ZENSIERT WERDEN WÜRDE?
Nein, ich sehe viel abgefuckteren Scheiß auf YouTube. Kunst sollte nicht zensiert werden!

HAT ES EINEN GRUND, WARUM AUSGERECHNET ROTHAARIGE DARIN EXEKUTIERT WERDEN?
Romain Gavras, der Regisseur des Clips, wird einen Film herausbringen, der ursprünglich „Redheads“ heißen sollte. Und in Los Angeles, wo ich lebe, gab es den „Kick a Ginger Day“ – kein Witz! In meiner Nachbarschaft wurden die rothaarigen Kinder nach der Schule verprügelt! Als ich den Link zu meinem Video auf Twitter postete, scherte sich erst niemand drum, dann gab es die Gewalt gegen all die Rotschopf-Kids und plötzlich war es ein Riesenaufreger! Und ich dachte nur: Wow, ihr seid besorgt wegen ein bisschen rotem Ketchup in meinem Video, aber die realen Geschehnisse, die viel brutaler sind, kümmern euch nicht.

HAST DU DAS ANTWORT-VIDEO AUF YOUTUBE VON DEM ROTHAARIGEN INTERNET-FREAK COPPER CAB GESEHEN, DER DICH DAFÜR ZUM TEUFEL WÜNSCHT?
(lacht) Oh ja. Wenn man ein Video über Rothaarige macht, dann hofft man auf Copper Cab. Er ist die Autorität. Er brüllt: „Gingers have soul! And by the way, the M.I.A. video is fucking shit.“ Ich musste darüber lachen.

SEIT DEINEM LETZTEN ALBUM IST VIEL IN DEINEM LEBEN PASSIERT!
Die drei Jahre waren eine verrückt lange Zeit. Ich bin Mutter geworden. Michael Jackson ist gestorben. Das hat viel für mich verändert.

JACKSON WURDE OFT MISSVERSTANDEN. WAS IST DAS GRÖSSTE MISSVERSTÄNDNIS ÜBER DICH?
Das will ich nicht aufklären, denn ich mag Missverständnisse. Sie sind wichtig, weil es Menschen dazu anhält, Dinge zu hinterfragen und nicht zu bequem zu sein.

JÜNGST HAST DU DICH MISSVERSTANDEN GEFÜHLT, ALS EINE JOURNALISTIN DER NEW YORK TIMES AUF EINEN ANGEBLICHEN WIDERSPRUCH ZWISCHEN DEINEM LIFESTYLE UND DEINEN POLITISCHEN AUSSAGEN HINGEWIESEN HAT.
Dass ich mich verteidigt und ihre Telefonnummer veröffentlicht habe, war ein Versuch zu zeigen, dass man in westlichen Medien keine Möglichkeit hat, das Wort zu ergreifen – selbst wenn man diejenige ist, um die es geht. Wenn sie in ihrem Artikel behauptet, man müsse Kreativität von persönlichen Erfahrungen trennen, ist das falsch. Ich habe im Alter von zehn gesehen, wie Menschen im Bürgerkrieg in Sri Lanka ums Leben gekommen sind, wie meine Schule abgefackelt wurde. Man muss keinen Abschluss in Politik gemacht haben, um Erfahrungen teilen und sagen zu können: Da läuft etwas falsch.

BESTEHT DENN EINE DISKREPANZ ZWISCHEN DEINEM LIFESTYLE UND DEINEN AUSSAGEN?
Seit meinem Debüt ist immer wieder gefragt worden: Kommt sie aus der Gosse? Ist sie ein Flüchtling? Kommt sie von der Kunstschule? Die Wahrheit ist: Ich habe in einem Ghetto gelebt und davor in einem Dorf im Dschungel. Heute lebe ich in Los Angeles. Ich bin also nicht diese eindimensionale Person. Doch diese Journalistin ist der Meinung, wenn man arm ist, muss man arm bleiben und arm sterben. Dabei ist die Tatsache, dass ich einen reichen Mann geheiratet habe, meiner Kunst nur zuträglich. Ich muss bei meiner Musik keine Kompromisse eingehen, ich muss keinen Song für „Twilight“ schreiben. Also ist das, was ich mache, kreativ viel reiner als das Schaffen anderer Künstler, die vielleicht das Geld brauchen. Und wenn wir schon bei Widersprüchen sind: Die New York Times hat bei der Kampagne für die Präsidentschaftswahl von Obama mit dem Wort „Change“ das größte Schlagwort des letzten Jahrzehnts in die Welt gesetzt. Wie wollen die mir jetzt weismachen, dass Veränderung nicht gut ist?

IN DEINEM LIED „LOVALOT“ HEISST ES: „I FIGHT THE ONES THAT FIGHT ME.“ GEGEN WEN KÄMPFT M.I.A.?
Gegen die, die mich angreifen. Wer auch immer das ist. Alle meine Alben verbindet diese Geisteshaltung: zu kämpfen und nicht aufzugeben. Ich liebe diesen Song. Franzosen – und nur die – fragen mich immer, was ich da singe: „I love a law“, „I love a lot“ oder „I love Allah“? Ich finde das erstaunlich, denn es ist wirklich so: Entweder bist du für das Gesetz, für Allah oder für die Liebe. Das sind vermutlich die drei Kategorien, auf die wir die menschliche Zivilisation in Zukunft herunterbrechen können.

•Interview: Katja Schwemmers

 
 
 
 
 

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